Die Vermarktung von Momentanreserve entwickelt sich zu einem neuen, stabilen Erlösbaustein für Betreiber von Batteriespeichersystemen (BESS). Insbesondere im Front-of-the-Meter (FTM)-Betrieb ermöglicht sie zusätzliche Einnahmen – ohne die bestehenden Geschäftsmodelle wie Regelenergie oder Strom-Trading wesentlich einzuschränken. Seit Ende Januar 2026 wird sie von den vier deutschen Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) marktgestützt beschafft und kann so die Gesamtrendite ohne nennenswerte Kapazitätskonflikte eines BESS erhöhen.
Damit wird Momentanreserve zu einem weiteren Element im Revenue Stacking, also der Kombination mehrerer Erlösquellen zur Maximierung der Wirtschaftlichkeit von Großspeichern.
Was ist die Momentanreserve?
Um die Netzstabilität zu gewährleisten und Blackouts zu vermeiden, muss das deutsche Stromsystem die Frequenz konstant bei 50 Hz (± 0,2 Hz) halten. Weicht die Frequenz ab, greift der Regelenergiemarkt ein. Dazu gehören die Primärreserve (FCR) zur schnellen Stabilisierung, die automatische Sekundärreserve (aFRR) und die Minutenreserve (mFRR) — diese Regelleistungen benötigen jedoch Zeit zum Reagieren. Hier setzt die Momentanreserve an.
Momentanreserve ist eine nicht-frequenzgebundene Systemdienstleistung, die ein kurzfristiges Leistungsungleichgewicht im Stromnetz ausgleicht. Die Reserve wird nach wenigen Sekunden durch die Primärregelleistung abgelöst. Traditionell stellten konventionelle Kraftwerke diese Leistung über ihre rotierenden Massen automatisch bereit — kostenlos und ohne Vergütung.
Mit dem Rückgang konventioneller Kraftwerke im Zuge der Energiewende entstand Handlungsbedarf. Die Bundesnetzagentur hat daher im April 2025 ein Konzept für die marktliche Beschaffung entwickelt, und seit dem 22. Januar 2026 gibt es in Deutschland einen neuen, vergüteten Markt dafür.
Wie verdienen BESS-Betreiber mit Momentanreserve?
Während klassische Regelenergie die Bereitstellung von Kapazität (+/-) sowie den tatsächlich gelieferten und entnommenen Netzstrom vergütet, honoriert die Momentanreserve ausschließlich die Bereitstellung von Leistungskapazität.
Bis 2026 gab es hierzu in Deutschland keinen eigenen Markt. In Großbritannien sind in dem Zuge der FFR (Fast Frequency Response) dabei bereits lukrative Produkte entstanden, wie beispielsweise das Dynamic Containment (DC). Im Bundesgebiet gab es dazu bislang nur bilaterale Verträge mit Netzbetreibern oder spezielle Innovationsausschreibungen. Auf dem neuen deutschen Markt gibt es jetzt daher folgende Vorteile für BESS-Betreiber:
1. Festpreisvergütung für Kapazitätsvorhaltung
Seit 2026 wird Momentanreserve in Deutschland marktgestützt durch die Übertragungsnetzbetreiber beschafft. Betreiber erhalten:
- Fixe Vergütung pro Megawatt-Sekunde (MWs) bereitgestellter Leistung
- Monatliche Abrechnung
- Vertragslaufzeiten von bis zu 10 Jahren
Folgende Erlöse werden in Aussicht gestellt:
| Produkt | Verfügbarkeit | Festpreis (1. Periode) | Beispiel: 1 MW BESS (25 MWs) |
| BESS-Kapazität als Premiumprodukt | > 90 % | 805 – 888,50 €/MWs/Jahr | 20.125 – 22.213 €/Jahr |
| BESS-Kapazität als Basisprodukt | > 30 % | ca. 76 – 150 €/MWs/Jahr | 1.900 – 3.750 €/Jahr |
2. Ideale Ergänzung im Revenue Stacking
Ein wesentlicher Vorteil der Momentanreserve liegt darin, dass sie kaum operative Einschränkungen für andere Geschäftsmodelle eines BESS mit sich bringt. Im Gegensatz zu klassischen Regelenergieprodukten oder dem Strom-Trading wird nahezu keine aktive Energieverschiebung benötigt. Stattdessen basiert die Leistung auf der sehr schnellen Reaktionsfähigkeit der Leistungselektronik.
Dadurch eignet sich Momentanreserve hervorragend als zusätzlicher Erlösbaustein im Rahmen des Revenue Stackings. Bestehende Vermarktungsstrategien wie:
- Primärregelleistung (FCR)
- Sekundärregelenergie (aFRR)
- Strom-Trading (Intraday / Day-Ahead Arbitrage)
bleiben grundsätzlich unberührt und können parallel fortgeführt werden.
Entscheidend ist hierbei ein leistungsfähiges Energiemanagementsystem (EMS), das die verschiedenen Märkte koordiniert und Verfügbarkeiten sicherstellt. So lassen sich potenzielle Nutzungskonflikte vermeiden und die Gesamtwirtschaftlichkeit des Speichers gezielt optimieren.
3. Geringe Belastung des Speichersystems
Da Momentanreserve primär über die Wechselrichterleistung bereitgestellt wird und kaum vollständige Lade- und Entladezyklen erfordert, ist der Einfluss auf die Batteriealterung gering.
Für Betreiber bedeutet das:
- zusätzlicher Erlös ohne relevante Degradation
- keine signifikante Einschränkung der Lebensdauer
- stabile Ergänzung zu zyklusbasierten Geschäftsmodellen
Die ÜNB bemerken, dass ein 100-MW/100-MWh-Speicher lediglich rund 35 kWh Energie vorhalten muss. Gerade im Vergleich zu intensivem Strom-Trading oder häufiger Regelenergieabrufe ist dies ein klarer wirtschaftlicher Vorteil.
Technische Voraussetzungen für die Teilnahme
Um Momentanreserve bereitstellen zu können, müssen Batteriespeicher bestimmte technische Anforderungen erfüllen, die nicht unerheblich sind.
Grid-Forming als zentrale Voraussetzung
Die Bereitstellung von Momentanreserve erfordert netzbildende Wechselrichter (Grid-Forming). Nur diese Systeme sind in der Lage, aktiv zur Netzstabilität beizutragen und die notwendige Trägheit zu simulieren.
Im Unterschied dazu folgen klassische (Grid-Following) Wechselrichter lediglich dem bestehenden Netzsignal und können keine Momentanreserve bereitstellen.
Kurze Übersicht:
| Grid-Forming-Wechselrichter | Grid-Following-Wechselrichter | |
| Reaktion | Erzeugt die Spannung aktiv | Folgt der Netzspannung |
| Geschwindigkeit | nahezu 0ms | 100ms – 500ms |
| Nutzen | Momentanreserve + Schwarzstart | Nur FCR/aFRR |
Weitere Anforderungen im Überblick:
- Präqualifikation durch die Übertragungsnetzbetreiber
- Netzanschluss muss mindestens über Mittelspannungseben verfügen
- Integration in ein virtuelles Kraftwerk bzw. Steuerungssystem
- Vollautomatisierter Betrieb und schnelle Reaktionsfähigkeit
- Sicherstellung definierter Verfügbarkeiten (z. B. > 90 % im Premiumprodukt)
Einordnung im FTM-Betrieb
Im FTM-Betrieb spielt Momentanreserve ihre Stärken besonders aus, da sie sich nahezu problemlos mit den weiteren FTM-Anwendungen eines BESS kombinieren lässt.
Momentanreserve ergänzt diese Strategie sinnvoll, da sie:
- unabhängig von Strompreisschwankungen vergütet wird
- keine aktive Fahrweise des Speichers erzwingt
- zusätzliche Planungssicherheit schafft
Damit entsteht ein stabiler Gegenpol zu volatilen Erlösströmen wie dem Strom-Trading.
Risiken & Marktentwicklung
Trotz der attraktiven Perspektiven gibt es einige Faktoren, die Betreiber berücksichtigen sollten:
- Regulatorische Unsicherheiten: Die Marktgestaltung basiert auf aktuellen Festlegungen der Bundesnetzagentur und kann sich künftig ändern.
- Marktsättigung: Da BESS technologisch ideal für Momentanreserve geeignet sind, könnte ein starker Marktzubau langfristig zu sinkenden Vergütungen führen.
- Multi-Use-Konflikte: Bei sehr hohen Verfügbarkeitsanforderungen können Nutzungskonflikte mit anderen Erlösströmen entstehen – insbesondere ohne optimiertes Energiemanagement.
Fazit: Momentanreserve als strategischer Erlösbaustein
Momentanreserve entwickelt sich zu einem wichtigen Bestandteil moderner BESS-Geschäftsmodelle.
Für Betreiber bietet sie:
- zusätzliche, stabile Einnahmen
- geringe technische Belastung
- hohe Kombinierbarkeit mit bestehenden Strategien
Im FTM-Betrieb trägt sie damit maßgeblich zur Optimierung der Gesamtrentabilität bei – insbesondere im Zusammenspiel mit Regelenergie und Strom-Trading.
Langfristig ist sie weniger als alleiniger Erlöstreiber zu sehen, sondern als wertvoller Baustein im Gesamtportfolio eines Batteriespeichersystems.
FAQ
Was ist Momentanreserve im Stromnetz?
Momentanreserve ist eine extrem schnelle Systemdienstleistung, die Frequenzabweichungen im Stromnetz innerhalb von Millisekunden ausgleicht – noch bevor klassische Regelenergie eingreift.
Wie verdient ein BESS Geld mit Momentanreserve?
Durch die Bereitstellung von Leistungskapazität erhalten Betreiber eine feste Vergütung pro MW – unabhängig von der tatsächlich gelieferten Energie.
Welche Voraussetzungen braucht ein BESS für Momentanreserve?
Entscheidend sind netzbildende Wechselrichter (Grid-Forming), eine Präqualifikation beim Netzbetreiber sowie hohe Verfügbarkeit und automatische Steuerbarkeit.
Wie hoch sind die Erlöse durch Momentanreserve?
Im Premiumsegment liegen die Erlöse typischerweise bei etwa 20.000–23.000 € pro MW und Jahr – zusätzlich zu anderen Einnahmequellen.
Lässt sich Momentanreserve mit anderen BESS-Use-Cases kombinieren?
Ja, sie ist ideal für den Multi-Use-Betrieb geeignet und kann parallel zu Regelenergie und Strom-Trading genutzt werden.
