Einigung über Nacht: EU stärkt Preisschutz für ETS2
In einer Nachtsitzung haben sich Unterhändler des EU-Parlaments und der Mitgliedstaaten am Abend des 12. Juni 2026 auf überarbeitete Regeln für die Marktstabilitätsreserve des neuen CO₂-Emissionshandels ETS2 verständigt. Das Ziel: extreme Preissprünge bei Heizkosten und Kraftstoffen abfedern, bevor das System 2028 vollständig in Kraft tritt.
Das ETS2 ist unabhängig vom bestehenden Emissionshandel für Industrie und Kraftwerke. Es verpflichtet Brenn- und Kraftstoffanbieter ab 2028 zum Kauf von Verschmutzungsrechten – mit direkten Auswirkungen auf die Energiekosten privater Haushalte, Pendler und kleine Unternehmen.
Die wichtigsten Änderungen im Überblick
Verdopplung der Zertifikat-Freigabe ab 45 Euro
Der Kernpunkt der Einigung: Übersteigt der CO₂-Preis die Schwelle von 45 Euro pro Tonne, können künftig bis zu 40 Millionen Zertifikate from the Market stability reserve freigegeben werden – bisher waren es lediglich 20 Millionen. Da dieser Mechanismus zweimal jährlich greift, stehen pro Jahr maximal 80 Millionen zusätzliche Einheiten bereit.
Frühere, schrittweise Freigabe
Die Schwelle für eine graduelle Freigabe wurde außerdem gesenkt: Sie greift bereits, wenn weniger als 260 Millionen Zertifikate im Umlauf sind – bisher lag der Wert bei 210 Millionen. Damit sollen plötzliche Marktreaktionen im Zusammenhang mit einzelnen Schwellenwerten verhindert werden.
Marktstabilitätsreserve bleibt dauerhaft bestehen
Ursprünglich sollte die Marktstabilitätsreserve Ende 2030 auslaufen – just zu dem Zeitpunkt, an dem ETS2 vollständig anlaufen soll. Nun bleibt sie dauerhaft bestehen. Rund 600 Millionen Zertifikate stehen damit langfristig als Steuerungsinstrument bereit.
Hintergrund: Warum jetzt verschärfte Preiskontrollen bei ETS2?
Die Anpassungen sind eine direkte Antwort auf Bedenken aus 19 EU-Mitgliedstaaten, darunter Frankreich, Polen und Tschechien. Diese Länder warnten davor, dass steigende Heiz- und Spritkosten den politischen Widerstand gegen die Klimapolitik anfachen könnten.
Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2026 verdeutlicht das Risiko: Bei einem CO₂-Preis von 57,50 Euro könnten die Lebenshaltungskosten ohne begleitende Effizienzmaßnahmen im Schnitt um rund 1,18 Prozent steigen.
Was bedeutet das für Deutschland?
The EU hatte den für 2027 geplanten Start des EU ETS2 um ein Jahr verschoben. Demnach löst das europäische Zertifikat-Handelssystem ab 2028 den nationalen deutschen CO₂-Preis ab. Aktuell liegt dieser zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne – und damit bereits über der neuen ETS2-Eingriffsschwelle von 45 Euro.
CDU-Europaabgeordneter Peter Liese rechnet für die Anfangsphase des ETS2 mit Preisen zwischen 45 und 50 Euro – also unterhalb des aktuellen deutschen Niveaus. Zum Vergleich: Bei 60 Euro CO₂-Preis entspricht das rund 17 Cent pro Liter Benzin und 19 Cent pro Liter Diesel.
Ein unabhängiger Expertenrat warnt jedoch: Ohne weitere politische Maßnahmen könnte Deutschland sein Emissionsbudget bis 2030 um 60 bis 100 Millionen Tonnen überschreiten.
Einnahmen aus ETS2 sollen Verbraucher entlasten
Die Einnahmen aus den ETS2-Auktionen sind zweckgebunden: Sie sollen Verbraucher bei Energierechnungen, dem Kauf von Elektroautos und energetischen Haussanierungen unterstützen. Über den Sozialklimafonds sollen insbesondere einkommensschwächere Haushalte bei der Dekarbonisierung gezielt gefördert werden.
Investoren & Klimaschützer fordern Verlässlichkeit
Während die Politik auf soziale Stabilität setzt, mahnen Finanzakteure zur Standhaftigkeit. 46 institutionelle Investoren – darunter die Allianz SE und L&G Asset Management – verwalten zusammen rund 12 Billionen Euro und fordern ein robustes System mit klaren, transparenten Regeln für Planungssicherheit.
Zivilgesellschaftliche Organisationen wie Carbon Market Watch hingegen warnen vor einer weiteren Abschwächung: Das ETS2 sei bereits um ein Jahr verschoben worden; eine ambitionierte und zeitnahe Umsetzung sei zwingend notwendig.
Wie geht es mit dem ETS2 & der Marktstabilitätsreserve weiter?
Die Einigung ist zunächst vorläufig. EU-Parlament und Rat müssen ihr noch formal zustimmen, anschließend folgen rechtlich-sprachliche Prüfungen. EU-Beamte gehen davon aus, dass die geänderte Reserve rechtzeitig vor dem vollständigen Inkrafttreten von ETS2 im Jahr 2028 vorliegen wird.
Parallel dazu prüft die EU-Kommission das ETS2 derzeit grundlegend. Ein konkreter Revisionsvorschlag wird für Mitte Juli 2026 erwartet. Zur Debatte stehen unter anderem die Kopplung kostenloser Zertifikate an Investitionszusagen sowie eine mögliche Ausweitung auf internationale Flüge.