Netzbooster sind Großbatteriespeicher oder auch Utility-Scale-BESS, die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) im Rahmen der kurativen Systemführung einsetzen, um Leitungsengpässe im Fehlerfall sekundenschnell auszugleichen. Ein neues Beschaffungskonzept, der sogenannte Systembooster, könnte diese Funktion künftig auch von marktlich agierenden Speichern befristet einkaufen – statt eigene Anlagen zu bauen.
Der zentrale Unterschied zwischen einem Netzbooster und einem privatwirtschaftlichen Batteriespeicher im FTM-Betrieb liegt nicht in der Technik, sondern in der Zielsetzung und Betriebslogik. Während ein FTM-Speicher primär auf Erlösoptimierung am Strommarkt ausgerichtet ist, wird ein Netzbooster gezielt eingesetzt, um Netzengpässe zu entschärfen, die Auslastung bestehender Leitungen zu erhöhen und die Sicherheit des Stromsystems zu gewährleisten.
Was ist ein Netzbooster? Definition & Funktionsprinzip
Ein Netzbooster ist eine Großbatterieanlage, die ein Übertragungsnetzbetreiber an einem strategisch wichtigen Netzknoten errichtet, um das bestehende Leitungsnetz höher auslasten zu können, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Das Konzept setzt auf kurative Systemführung: Statt Leitungen präventiv niedriger auszulasten, um im Störfall ausreichend Reserve zu haben, hält der Netzbooster diese Reserve in Form von gespeicherter Energie vor und wird nur im tatsächlichen Fehlerfall aktiv.
Das Funktionsprinzip lässt sich mit einem Airbag vergleichen: Fällt ein Stromkreis aus und drohen die verbleibenden Leitungen überlastet zu werden, speist der Netzbooster innerhalb von Sekunden Energie hinter dem Engpass ein und nimmt gleichzeitig Energie vor dem Engpass auf. So entsteht eine Art virtuelle Leitung, die den überlasteten Netzabschnitt entlastet, bis klassische Redispatch-Maßnahmen oder Netzausbau greifen. Dieses Prinzip folgt dem sogenannten NOVA-Grundsatz (Netzoptimierung vor Verstärkung vor Ausbau), nach dem die deutschen ÜNB Optimierungsmaßnahmen im Bestandsnetz priorisieren, bevor sie neue Leitungen bauen.
Warum werden Netzbooster gebraucht? Das Nord-Süd-Engpassproblem
Der Ausbau der Windenergie konzentriert sich in Norddeutschland, während wichtige Verbrauchszentren und zunehmend auch Kraftwerksabschaltungen im Süden und Westen liegen. Die Übertragungsleitungen zwischen beiden Regionen sind bereits heute stark ausgelastet. Um Überlastungen zu vermeiden, müssen die ÜNB regelmäßig in die Stromerzeugung eingreifen. Bei einem Redispatch drosseln Kraftwerke vor dem Engpass ihre Einspeisung, Anlagen dahinter erhöhen sie. Diese Eingriffe sind teuer und werden über die Netzentgelte an die Stromverbraucher weitergegeben. Netzbooster sollen diesen Bedarf reduzieren, indem sie bestehende Leitungen höher auslastbar machen, ohne dass zusätzliche Trassen gebaut werden müssen.
Aktuelle Netzbooster-Projekte in Deutschland
Netzbooster-Projekte sind in Deutschland von ÜNB initiiert und geführt. Verteilnetzbetreiber (VNB) adressieren ihre eigenen Engpässe in der Regel über andere Instrumente wie Redispatch 2.0 oder § 14a EnWG. Eine Ausnahme bildet das Projekt in Bayerisch-Schwaben, bei dem der ÜNB Amprion gezielt mit VNB kooperiert, weil die Anlage dort auch das Verteilnetz stabilisieren kann. Mehrere weitere Pilotprojekte befinden sich derzeit im Bau oder in der Erprobung:
- Kupferzell (TransnetBW): Mit einer Leistung von 250 MW und einer Kapazität von 250 MWh eines der größten Batteriespeicherprojekte Deutschlands. Der Standort wurde gewählt, weil die Leitungen zwischen Kupferzell und Grafenrheinfeld bereits heute stark ausgelastet sind.
- Audorf und Ottenhofen (TenneT): Zwei Anlagen im TenneT-Netzgebiet, die als Nord-Süd-Paar arbeiten – Audorf im Norden primär als Energiesenke, Ottenhofen im Süden primär als Energiequelle.
- Bayerisch-Schwaben (Amprion, mit VNB-Beteiligung): Federführend ist Amprion als ÜNB und beteiligt sind die VNB E.ON und LEW. Sie sind eingebunden, weil der projektierte 250-MW-Netzbooster sowohl Übertragungs- als auch Verteilnetz stabilisieren kann. In Phasen ohne Netzentlastungsbedarf wird die Anlage zudem vollständig vom Betreiber am Strommarkt vermarktet.
- Rheinland (AMP-P609): Ein von der Bundesnetzagentur im Netzentwicklungsplan 2037/2045 bestätigtes Projekt aus zehn dezentralen Anlagen à 25 MW, das zusätzlich Momentanreserve bereitstellen könnte. Im zweiten Entwurf des NEP 2037/2045 (2025) wird es nicht mehr als eigenständig umzusetzende Maßnahme geführt, sondern auf die Möglichkeit einer Dienstleistungsausschreibung verwiesen – den Kern des im folgenden Abschnitt beschriebenen Systembooster-Konzepts.
Vom Netzbooster zum Systembooster: das neue ÜNB-Beschaffungskonzept
Eine Weiterentwicklung des Netzbooster-Ansatzes sind sog. Systembooster. Ein im Juni 2026 veröffentlichtes Kurzgutachten im Auftrag von Amprion zeigt, dass sich die Rahmenbedingungen für Großbatteriespeicher grundlegend verändert haben: Sinkende Speicherkosten und attraktive Preisunterschiede am Strommarkt führen zu einem starken Ausbau. Für die deutschen Übertragungsnetze liegen bereits Netzanschlusszusagen von rund 50 GW vor.
Statt eigene ÜNB-Netzbooster zu errichten, könnten diese Funktionen künftig als Systemdienstleistung von marktbasierten Großbatteriespeichern bereitgestellt werden. Die Speicher würden nur bei Bedarf als Systembooster eingesetzt und könnten außerhalb dieser Zeiten weiterhin privatwirtschaftlich am Strom- und Regelenergiemarkt vermarktet werden.
Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass der Nutzen von Systemboostern vor allem in Zeiten hoher Windenergieeinspeisung entsteht. Wird ihre Bereitstellung gezielt auf solche Starkwindsituationen begrenzt, bleiben die Erlöseinbußen für Speicherbetreiber gering, während eine pauschale saisonale Bindung deutlich wirtschaftlich nachteiliger wäre.
Als Vergütung soll eine Bereitstellungsprämie sowie eine zusätzliche Zahlung bei tatsächlicher Aktivierung dienen – ähnlich dem bestehenden Regelenergie-Modell. Insgesamt kommt das Gutachten zu dem Schluss, dass Systembooster unter geeigneten Rahmenbedingungen wirtschaftlicher sein könnten als dedizierte eigene Netzbooster-Anlagen. Bisher fehlen hierzu jedoch das gesetzliche Regelwerk sowie Ausschreibungen und Planungen der ÜNB.
Netzbooster/Systembooster vs. privatwirtschaftliche FTM-Speicher
Für Betreiber von Front-of-the-Meter-Batteriespeichern ist eine klare Abgrenzung wichtig: Regelenergie (FCR, aFRR, mFRR) und Momentanreserve sind bereits heute etablierte, dauerhaft zugängliche Vermarktungswege für FTM-Speicher – unabhängig davon, ob das Systembooster-Konzept jemals umgesetzt wird. Diese Märkte dienen der Frequenzhaltung im gesamten Netzgebiet und sind ein fester Bestandteil der Multi-Use-Vermarktung, die viele FTM-Projekte schon heute nutzen.
Netzbooster und Systembooster funktionieren dagegen fundamental anders: Sie sind nicht auf Frequenzhaltung, sondern auf die lokale, kurative Behebung konkreter Leitungsengpässe an spezifischen Netzknoten ausgerichtet und werden situativ – im Systembooster-Fall etwa bei hoher Windeinspeisung – angefordert. Es handelt sich also nicht um eine Alternative zur bestehenden Regelenergie- und Momentanreserve-Vermarktung, sondern potenziell um einen zusätzlichen, optionalen Erlösbaustein für ohnehin am Übertragungsnetz angeschlossene Großbatteriespeicher. Das Amprion-Kurzgutachten macht dabei eine wichtige Einschränkung: Es hält einen direkten Netzanschluss am Übertragungsnetz für erforderlich, da im Aktivierungsfall keine zeitlichen Spielräume für eine Koordination mit Verteilnetzbetreibern bestehen. Für Projekte auf Verteilnetzebene bleibt der Systembooster damit vorerst nicht relevant.
Direkter Vergleich
| Netzbooster (ÜNB-eigen) | Systembooster (marktlich, befristet) | Privatwirtschaftl. BESS mit Regelenergie (FCR / aFRR / mFRR) | Privatwirtschaftl. BESS für Momentanreserve | |
| Hauptzweck | Lokale Entlastung von Netzengpässen, Unterstützung des Übertragungsnetzes | Gleiche Funktion, zeitlich befristet zugekauft | Stabilisierung der Systemfrequenz und des Leistungs-gleichgewichts | Sehr schnelle erste Stabilisierung nach Störungen |
| Eigentümer / Betreiber | ÜNB | Privater Speicherbetreiber, im Auftrag des ÜNB | Privater Betreiber | Privater Betreiber |
| Vergütungslogik | ÜNB-finanzierte Investition – ÜNB-intern | Vorhalteprämie + Opportunitäts-kosten- und Aktivierungs-ausgleich | Marktbasierte Ausschreibung/ Auktion | Marktbasierte Ausschreibung/ Auktion |
| Raumbezug | Punktuell, an einem konkreten Netzknoten oder Engpass | An Netzknoten oder regional netzknotennah | Systemweit bzw. regelzonenweit | Systemweit, sehr kurzfristig wirksam |
| Auslöser | Drohende Leitungsauslastung oder Netzengpass | gleich: bei drohener Auslastung oder Enpass | Frequenzabweich-ung oder Bilanzungleich-gewicht | Große Störung, plötzlicher Leistungsdefizit/-überschuss |
| Zeithorizont | Sekunden bis Minuten, je nach Netzsituation | gleich: Sekunden bis Minuten, je nach Netzsituation | FCR sehr schnell, aFRR und mFRR nachgelagert | Sofort bis sehr kurz nach dem Ereignis |
| Bindungsdauer | Langfristig (mehrjährig) | Kurzfristiger möglich (z. B. 1 Jahr) | Laufend | Laufend |
| Beschaffungslogik | Netzbetreiberlich, netzdienlich, oft als regulierte Infrastruktur gedacht | t.b.d.: Noch nicht definiert | Marktbasiert über Ausschreibungen und Abrufe | Je nach System-design eher netztechnisch /physikalisch als klassischer Marktmechanismus |
| Wirtschaftliche Logik | Vermeidung von Redispatch und Netzausbaukosten | Reduktion der ÜNB-Investitionen + Vermeidung von Redispatch und Netzausbaukosten | Erlös aus Bereitstellung und Aktivierung | Sicherheitsfunktion, nicht primär Handelsprodukt |
| Status | In Bau/Betrieb (Pilotprojekte) | Konzeptstudie, keine Ausschreibung in Sicht | Etablierter Markt | Markt seit 2026 |
| Kann ein Batteriespeicher das leisten? | Ja | Ja | Ja | Ja, bei technischer und regulatorischer Zulassung |
Systembooster als neue Erlösquelle für FTM-BESS-Betreiber?
Sollte das Systembooster-Konzept tatsächlich zur Ausschreibungsreife kommen, entstünde für Betreiber großer FTM-Speicher mit Anschluss am Übertragungsnetz eine interessante neue Erlösquelle: ein zusätzlicher, planbarer Vergütungsbaustein, der neben Regelenergie, Momentanreserve und Börsen-Vermarktung träte, ohne diese bestehenden Erlösströme zu verdrängen. Gerade weil das Gutachten zeigt, dass sich die Erlöseinbußen bei windbasierter statt saisonaler Verfügbarkeit gering halten lassen, wäre der Systembooster potenziell mit vergleichsweise geringem Vermarktungsverzicht verbunden. Für heutige Investitionsentscheidungen ist dies noch kein tragfähiger Baustein – aber ein Aspekt, den Projektentwickler und Investoren bei der Standortwahl am Übertragungsnetz im Hinterkopf behalten sollten.
Regulatorischer Status und Einordnung
Das Systembooster-Konzept ist bislang nur ein Vorschlag aus dem Amprion-Kurzgutachten und keine beschlossene Regulierung. Offene Punkte betreffen unter anderem die Kostenerstattungssystematik im Redispatch, die im Gutachten skizzierte Vergütungslogik, die die ÜNB derzeit nicht vollständig abbilden können, sowie ein noch zu entwickelndes Pönalenkonzept für unzureichende Verfügbarkeit im Anforderungsfall.
Bedeutung für BESS-Betreiber & Energiemanager
Für Betreiber und Investoren von FTM-Batteriespeichern mit Anschluss an geeigneten Übertragungsnetzknoten lohnt sich vor allem, die Entwicklung des Systembooster-Konzepts im Blick zu behalten: Sollte es zu einer Ausschreibung kommen, entstünde ein zusätzlicher Erlösbaustein, der die bestehende Multi-Use-Vermarktung über Regelenergie- und Intraday-Märkte ergänzt, ohne sie zu ersetzen. Kurzfristig – also für heutige Investitionsentscheidungen – bleibt der Fokus jedoch auf den bereits etablierten Erlösquellen wie Regelenergie, Momentanreserve und Flexibilitätsvermarktung.
FAQ zu Netzbooster & Systembooster
Was ist der Unterschied zwischen Netzbooster und Systembooster?
Bislang nicht in Form einer laufenden Ausschreibung. Das Systembooster-Konzept ist Stand Sommer 2026 ein Vorschlag aus einem Kurzgutachten; eine konkrete Beschaffung ist noch nicht umgesetzt.
Können private Batteriespeicher schon heute als Netzbooster fungieren?
Bislang nicht in Form einer laufenden Ausschreibung. Das Systembooster-Konzept ist Stand Sommer 2026 ein Vorschlag aus einem Kurzgutachten; eine konkrete Beschaffung ist noch nicht umgesetzt.
Ist die Teilnahme an Netzbooster- oder Systembooster-Vermarktung schon möglich?
Nein, derzeit nicht. Etabliert und zugänglich sind dagegen die Regelenergiemärkte (FCR, aFRR, mFRR) sowie die Vermarktung von Momentanreserve, die unabhängig vom Systembooster-Konzept bestehen.
Was verdienen FTM-Speicherbetreiber heute an Netzdienstleistungen?
Regelenergie- und Momentanreserve-Vermarktung sind etablierte, laufend zugängliche Erlösquellen für FTM-Großbatteriespeicher und Teil einer typischen Multi-Use-Vermarktungsstrategie – unabhängig vom Netzbooster-Thema.