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Wassermangel in Europa: Warum das bei der Energieversorgung Probleme macht

Niedrige Flusspegel in Europa zwingen erstmals mehrere Atomkraftwerke zur Abschaltung und bringen auch Kohle-, Gas- und Wasserkraftwerke unter Druck. Warum die Klimakrise zunehmend zur Herausforderung für die Energieversorgung wird und welche Rolle Batteriespeicher künftig spielen, zeigt unser Überblick.

Ende Juli 2026 musste Ungarns einziges Atomkraftwerk Paks erstmals seit seiner Inbetriebnahme 1982 vollständig heruntergefahren werden. Ursache: Wassermangel in Europa. Der Donaupegel bei Budapest fiel auf einen historischen Tiefstand von nur 31 Zentimetern und stellte die gesamte Energieversorgung des Landes vor Probleme. Rund 2.000 Megawatt Erzeugungsleistung fehlen damit im ungarischen Netz, das sonst zur Hälfte aus Paks gespeist wird. Ungarn ist kein Einzelfall: Von Frankreich bis Bulgarien zeigt der Sommer 2026, dass Kraftwerke mit Flusswasserkühlung an ihre physikalischen Grenzen stoßen – und diese Grenzen künftig häufiger erreicht werden.

Überblick: Welche AKWs aktuell von Wassermangel betroffen sind

Tabelle – Stand 3./4. August 2026

LandKraftwerkFlussStatusAnteil an nationaler Stromerzeugung
UngarnPaks (4 Blöcke)Donaukomplett vom Netz seit 31.7.~40–50 %
FrankreichGolfech-2Garonnekomplett vom Netz seit 29./30.7.Gesamt-AKW-Anteil FR: ~70 % (57 Reaktoren)
FrankreichBugey 3/4/5Rhônekomplett vom Netzs.o.
FrankreichNogent-sur-Seine 1/2Seineabgeregelts.o.
FrankreichChooz 1/2, CattenomMaas/Moselstillgelegts.o.
FrankreichSaint-Alban 1/2, Blayais 1/3Rhône/Gironderollierende Drosselungs.o.
RumänienCernavodă (Block 1)Donaukontrolliert vom Netz seit 28.7.~20 %
BulgarienKozloduy (5+6)Donauläuft noch, Notfall-Ausbaggerung + Serbien-Abkommen
SchweizBeznau (beide Blöcke)Aarevom Netz seit 24.7.

(Quellen: Betreiberangaben Axpo/EDF/dpa, NEI Magazine, Stand jeweils Anfang August 2026)

Auch Kohle-, Gas- und Laufwasserkraftwerke geraten unter Druck

Der Wassermangel in Europa bzw. das Kühlwasserproblem ist kein Alleinstellungsmerkmal der Kernenergie – es betrifft jedes thermische Kraftwerk, das Flusswasser zur Kondensatorkühlung nutzt. Auch Kohle- und Gaskraftwerke sind angewiesen darauf, dass Flüsse genug und nicht zu warmes Wasser führen: Das serbische Kohlekraftwerk Kostolac musste Ende Juli seine Leistung drosseln, weil die Kühlwasseransaugung am niedrigen Donaupegel scheiterte.

Selbst Laufwasserkraftwerke, die eigentlich ohne Kühlwasserproblematik auskommen, leiden unter dem sinkenden Durchfluss: Das Eiserne Tor 1 an der Donau, mit 2.280 MW das größte Laufwasserkraftwerk der Region, erzeugt aktuell nur noch rund ein Fünftel seiner Nennleistung. Der Donau-Durchfluss an der rumänisch-serbischen Grenze lag Ende Juli bei nur 1.700 m³/s – üblich wären rund 4.700 m³/s. Die Wasserkrafterzeugung brach in Bulgarien um fast 45 % ein.

Die Botschaft: Wer glaubt, mit dem Umstieg von Atom- auf Kohle- oder Gaskraft wäre das Kühlwasserproblem gelöst, irrt. Das Problem liegt nicht in der Brennstoffart, sondern im thermischen Kraftwerksprinzip selbst.

Wassermangel in Europa ist mehr als ein Sommerphänomen

Kraftwerke mit Flusswasserkühlung sind aus zwei Gründen verwundbar. Sinkt der Pegel, fehlt schlicht das Kühlwasser. Steigt gleichzeitig die Wassertemperatur, dürfen viele Anlagen aus Gewässerschutzgründen gar nicht erst hochfahren – selbst wenn technisch genug Wasser da wäre, würde das erwärmte Rückführwasser den Fluss zusätzlich aufheizen und Ökosysteme gefährden. In Frankreich etwa greift bei RTE eine feste Grenze von 28 °C Flusswassertemperatur.

Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie erwärmt sich Europa mehr als doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Sommer wie 2026 werden damit nicht zur Ausnahme, sondern zur Blaupause: Kraftwerke, deren Verfügbarkeit an Flusspegel und -temperatur hängt, verlieren tendenziell genau dann Leistung, wenn der Bedarf – etwa durch Klimaanlagen – am größten ist.

Generell stellen extreme Hitzewellen die Stromversorgung und die Netze in ganz Europa unter Druck. Mehr dazu in unserem Beitrag: Wenn Hitze das Netz in die Knie zwingt: Hitzewelle 2026 und ihre Folgen für den europäischen Strommarkt

Deutschland: Die Bundesnetzagentur rüstet auf

Deutschland ist von den aktuellen Abschaltungen nicht betroffen und gilt laut Bundesnetzagentur weiterhin als das Land mit dem stabilsten Stromnetz in Europa. Dennoch baut die Behörde derzeit präventiv eine digitale “Sicherheitsplattform Strom” (SiPlaS) auf – als Pendant zur seit 2022 bestehenden Sicherheitsplattform Gas. Betrieben werden soll sie von Übertragungsnetzbetreiber Amprion. Im Ernstfall sollen energieintensive Großverbraucher ab 8 GWh Jahresstrombedarf mit einem Vorlauf von 24 Stunden bis drei Tagen zur Reduktion aufgefordert werden können – folgt ein Unternehmen dem nicht, kann die Bundesnetzagentur die Stromzufuhr kappen lassen.

Was der Sommer 2026 & Wassermangel in Europa für die Energiewende zeigt

Der aktuelle Sommer macht ein strukturelles Problem sichtbar. Erzeugungskapazität, die an Flusspegel und -temperatur gekoppelt ist, fällt tendenziell genau dann aus, wenn der Stromverbrauch hoch ist. Anders als starre Großkraftwerke sind Batteriespeicher unabhängig von Kühlwasser und Witterung verfügbar – sie können kurzfristige Erzeugungslücken abfedern und Lastspitzen brechen, ohne selbst wetterabhängig zu sein. Für Betreiber und Investoren wird Flexibilität damit zunehmend zu einem eigenständigen Sicherheitsfaktor der Energieversorgung – nicht nur zu einem Instrument der Erlösoptimierung.

FAQ

Warum brauchen Atomkraftwerke so viel Kühlwasser?

Ein Kernkraftwerk wandelt nur etwa 30–35 % der erzeugten Wärme in Strom um. Der Rest muss als Abwärme abgeführt werden – meist über Flusswasser, das entnommen, zur Kühlung genutzt und erwärmt zurückgeleitet wird.

Sind die Abschaltungen ein Sicherheitsrisiko?

Nein. Die Abschaltungen erfolgen kontrolliert und vorsorglich, um gesetzliche Grenzwerte für Wassertemperatur und Gewässerschutz einzuhalten – nicht wegen technischer Defekte.

Sind nur Atomkraftwerke betroffen?

Nein. Auch Kohle- und Gaskraftwerke mit Flusswasserkühlung sowie Laufwasserkraftwerke verlieren bei Niedrigwasser und Hitze an Leistung.

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