Eine neue Studie des Fraunhofer IEE (Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik) zeigt, wie viel Geld ein schnellerer Ausbau von Batteriespeichern im deutschen Stromsystem einsparen könnte. Im Auftrag des BEE, des BWE und des BSW-Solar untersuchten die Forschenden rückblickend den Zeitraum von Januar 2025 bis Ende Mai 2026. Das zentrale Ergebnis: Bereits 20 Gigawatt zusätzliche Speicherleistung mit vier Stunden Kapazität hätten in diesem Zeitraum Einsparungen von 5,6 Milliarden Euro ermöglicht – umgerechnet auf ein Jahr rund 3,9 Milliarden Euro.
Die zentralen Ergebnisse im Überblick
Eine angenommene zusätzliche Flexibilitätsreserve von 20 GW Leistung und 80 GWh Kapazität durch Batteriespeicher hätte in 17 Monaten folgende Auswirkungen gehabt:
| Gesamteinsparung im Untersuchungszeitraum | 5,6 Mrd. € |
| Einsparung pro Jahr (hochgerechnet) | 3,9 Mrd. € |
| Entlastung Bundeshaushalt (EEG-Förderkosten) | 2,1 Mrd. € (1,5 Mrd. €/Jahr) |
| Entlastung Stromkunden (Spotmarktpreise) | 1,9 Mrd. € (1,3 Mrd. €/Jahr) |
| Verbesserung Import/Export-Bilanz | 1,6 Mrd. € (1,1 Mrd. €/Jahr) |
| Reduktion negativer Börsenstrompreise | ca. 70 % |
| Reduktion marktlicher EE-Abregelung (Redispatch) | ca. 55 % (3,3 TWh) |
| Reduktion § 51-EEG-Risiko PV | von ca. 25 % auf ca. 6,3 % |
| Reduktion § 51-EEG-Risiko Wind Onshore | von ca. 8 % auf ca. 3,7 % |
| Reduktion § 51-EEG-Risiko Wind Offshore | von ca. 7 % auf ca. 2,8 % |
Gemäß den EEG-Vorgaben wäre ein jährlicher Zuwachs von ca. 8 GW an Leistung und 32 GWh an Kapazität notwendig, um den Flexibilitätsbedarf decken zu können, projizierte das Fraunhofer IEE in seiner Studie.
Warum die Studie wichtig ist: Fünf Symptome, eine Ursache
Die Studie ordnet aktuell fünf viel diskutierte Herausforderungen der Energiewende einer gemeinsamen Ursache zu:
- fehlende Flexibilität im Stromsystem
- Extreme Preisausschläge an der Börse
- zunehmende Abregelung von Wind- und Solaranlagen
- sinkende Marktwerte erneuerbarer Energien
- wachsende Finanzierungsrisiken durch § 51 EEG
Alle Symptome sind miteinander eng verknüpft. § 51 EEG sorgt dafür, dass Neuanlagen in Zeiten negativer Spotmarktpreise keine Förderung erhalten – inzwischen bereits ab jeder einzelnen negativen Viertelstunde. Je häufiger negative Preise auftreten, desto größer wird das Investitionsrisiko für neue Wind- und PV-Projekte.
Mehr Kurzfristflexibilität setzt genau an dieser Stelle an: Speicher nehmen Strom in Zeiten hoher Einspeisung und niedriger Preise auf und geben ihn zeitversetzt wieder ab, wenn die Nachfrage – und damit der Preis – höher ist. Das ist im Kern dieselbe Marktlogik, die auch der Ansatz des Revenue Stackings beim Einsatz von BESS im FTM-Betrieb nutzt.
Methodik der Fraunhofer-IEE-Speicherstudie kurz erklärt
Für die Analyse wurde das europäische Strommarktmodell SCOPE-EM des Fraunhofer IEE eingesetzt, das bereits im Rahmen des Agorameter-Projekts umfangreich validiert wurde. Das Modell bildete den Zeitraum Anfang 2025 bis Ende Mai 2026 stündlich ab und erreichte dabei laut Studie eine hohe Übereinstimmung mit realen Marktdaten – etwa 97 % des tatsächlichen Day-Ahead-Preisniveaus sowie eine nahezu deckungsgleiche Anzahl negativer Preisstunden (845 simulierte gegenüber 819 real aufgetretenen Stunden). Untersucht wurden verschiedene Speicherszenarien zwischen 10 GW/2h und 40 GW/8h, wobei der Zubau ausschließlich in Deutschland modelliert wurde – eine bewusst konservative Annahme, da zusätzliche Flexibilität auch im Ausland erschlossen werden kann.
Was das für Speicherbetreiber und Projektentwickler bedeutet
Für die Speicherbranche liefert die Fraunhofer-IEE-Studie eine bemerkenswerte Einordnung. Demnach entspricht der ermittelte Sweet Spot von 20 GW zusätzlicher Speicherleistung weniger als 3 % der aktuell bei den Netzbetreibern vorliegenden Netzzugangsanfragen für Stromspeicher. Diese liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Studie im dreistelligen Gigawatt-Bereich. Zeitgleich sind in Deutschland rund 19 GW an stationärer Batteriespeicherleistung – inklusive PV-Heimspeichern – tatsächlich in Betrieb. Der Markt an Projekten ist also bereits vorhanden; es fehlt an der Realisierungsgeschwindigkeit.

Interessant für Projektentwickler ist zudem, dass die Studie zwischen zwei Wirkungslogiken unterscheidet: Bei geringerer Speicherkapazität (bis 20 GW/4h) dominiert der preisglättende Effekt zugunsten der Stromkunden, weil vor allem Preisspitzen gekappt werden. Bei höherer Kapazität – der Sweet Spot für die Förderkostenreduktion liegt bei rund 30 GW/6h – gewinnt zunehmend die Anhebung der Niedrigpreisphasen an Bedeutung. Das ist zwar besonders für die Marktwertsteigerung erneuerbarer Energien relevant, steigert aber den Nutzen für Endkunden nicht mehr proportional. Für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von FTM-Speicherprojekten mit Fokus auf den Day-Ahead-Handel oder Intraday Trading ist das ein relevanter Hinweis für die Bedeutung ausreichender Speicherdauer.
Politische Forderungen des BEE
BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser ordnete die Ergebnisse der Fraunhofer-Speicherstudie mit den Worten ein: Speicher seien “ein Sparprogramm für Stromkunden und den Bundeshaushalt”. Die Politik müsse den Ausbau von Speichern und Flexibilität nun schneller ermöglichen. Konkret fordert der Verband:
- eine Beschleunigung und Standardisierung von Netzanschlussverfahren für Batteriespeicher
- die regulatorische Ermöglichung des Multi-Use-Betriebs von Batteriespeichern
- die konsequente Nutzung von Speichern bei Redispatch-Maßnahmen statt der Abregelung erneuerbarer Energien
- eine Vereinfachung des Anschlusses von Batteriespeichern an bestehenden Netzanschlüssen von Erzeugungsanlagen sowie Gewerbe- und Industrieunternehmen
Ausblick: Jährlicher Flexibilitätsbedarf von 8 GW
Der identifizierte Wert von 20 GW ist laut Studie kein langfristiges Ausbauziel, sondern beschreibt den akuten Nachholbedarf für den bereits erreichten Stand des EE-Ausbaus. Da die Bundesregierung weiterhin einen jährlichen Zubau von rund 20 GW Photovoltaik und 15 GW Windenergie anstrebt, wächst der Flexibilitätsbedarf kontinuierlich mit. Eine vereinfachte Extrapolation der Fraunhofer-Analyse beziffert diesen zusätzlichen jährlichen Speicherbedarf auf etwa 8 GW beziehungsweise 32 GWh Speicherkapazität – deutlich mehr, als aktuell installiert wird. In 2025 wurden laut Studie lediglich rund 4 GW und 7 GWh neu zugebaut. Ein ergänzendes Sonderszenario der Studie zeigt zudem, dass EE-Ausbau und Flexibilitätsausbau künftig zwingend gemeinsam geplant werden müssen, da ein geringerer Erneuerbaren-Zubau auch eine kleinere Flexibilitätslücke bedeutet hätte.
Fazit
Die Fraunhofer-Studie liefert erstmals eine belastbare, modellbasierte Rückrechnung darüber, welchen konkreten volkswirtschaftlichen Nutzen zusätzliche Kurzfristflexibilität im deutschen Stromsystem bereits heute hätte – und macht damit deutlich, dass der Speicherausbau nicht nur ein Randthema, sondern eine zentrale Voraussetzung für eine kosteneffiziente Energiewende ist. Für Projektentwickler und Betreiber von Batteriespeichern bestätigt die Studie den wirtschaftlichen Grundgedanken hinter FTM-Anwendungen wie Arbitrage und Marktwertsteigerung – und liefert zugleich politisches Gewicht für die Forderung nach schnelleren Netzanschlussverfahren.
FAQ zur Fraunhofer-IEE-Speicherstudie 2026
Was ist der “Sweet Spot” in der Fraunhofer-Studie?
Der Sweet Spot bezeichnet die Kombination aus Speicherleistung und -kapazität, bei der ein Großteil der positiven Effekte bereits erreicht wird, bevor der zusätzliche Nutzen abnimmt. Für den untersuchten Zeitraum liegt dieser Punkt bei rund 20 GW Speicherleistung mit vier Stunden Kapazität.
Wie viel Speicherleistung ist aktuell in Deutschland installiert?
Rund 19 GW an stationärer Batteriespeicherleistung sind laut Studie derzeit in Betrieb, inklusive PV-Heimspeichern.
Welche Rolle spielt § 51 EEG für neue Wind- und Solaranlagen?
Der Paragraf sorgt dafür, dass Neuanlagen in Zeiten negativer Spotmarktpreise keine Förderung erhalten. Da diese Zeiträume mit dem EE-Ausbau zunehmen, steigt das Erlösrisiko für neue Projekte – zusätzliche Flexibilität kann dieses Risiko laut Studie deutlich reduzieren.
Wer hat die Studie beauftragt?
Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) gemeinsam mit dem Bundesverband WindEnergie (BWE) und dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar); durchgeführt wurde sie vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik (IEE).