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Der deutsche Strommarkt: Akteure, Rollen & Abläufe

The deutsche Strommarkt ist im Vergleich zu anderen Strommärkten relativ komplex. Die Energiewende, die Digitalisierung und die zunehmende Integration erneuerbarer Energien machen das System vielschichtiger, aber auch dynamischer. Zahlreiche Akteure – von Kraftwerksbetreibern über Stromhändler bis zu Netzbetreibern – sorgen gemeinsam dafür, dass Strom jederzeit verfügbar ist. Gleichzeitig bestimmen Marktmechanismen an Börsen und im bilateralen Handel die Strompreise.

Übersicht der Akteure & Rollen

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Grundprinzip des deutschen Strommarktes

Der deutsche Strommarkt ist als Energy-only market organisiert. Das bedeutet, dass Kraftwerksbetreiber ihre Erlöse in erster Linie durch den Verkauf von tatsächlich erzeugtem Strom erzielen. Der Strompreis entsteht dabei im Wettbewerb und wird durch Supply and demand bestimmt.

Der Handel mit Strom findet hauptsächlich im Stromgroßhandel statt. Hier werden unterschiedliche Produkte gehandelt – von langfristigen Terminverträgen bis hin zu kurzfristigen Lieferungen am Spotmarkt. Ein zentraler Handelsplatz in Europa ist die European Energy Exchange, an der Strom für verschiedene Zeiträume gehandelt wird.

Da Strom nur begrenzt speicherbar ist, müssen Erzeugung und Verbrauch jederzeit im Gleichgewicht sein. Für die Stabilität des Stromsystems sind die Übertragungsnetzbetreiber verantwortlich, während die Bundesnetzagentur den regulatorischen Rahmen überwacht und den diskriminierungsfreien Zugang zum Strommarkt sicherstellt.

Dieses deutsche Strommarktdesign steht jedoch bereits seit einigen Jahren in einer politischen Diskussion. Experten sind der Ansicht, dass ein Capacity market besser geeignet sei, die zunehmende Volatilität und dezentrale Stromerzeugung der Erneuerbaren Energien abzufedern.

Power generation

Die Stromerzeugung ist der Startpunkt. Hier wird Energie aus verschiedenen Quellen in elektrischen Strom umgewandelt.

  • Kraftwerksbetreiber (Konventionell): Diese Akteure betreiben Großkraftwerke, die auf fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas basieren. Ihre Hauptrolle ist die Stromproduktion und die Bereitstellung von gesicherter Leistung zur Deckung der Grundlast.
  • Erneuerbare-Energien-Anlagen (EE-Anlagen): Dies umfasst Windparks (Onshore und Offshore), Solar parks, Biomasseanlagen und Wasserkraftwerke. Ihre Aufgabe ist es, die Stromproduktion zu unterstützen und den Anteil sauberer Energie im Netz zu erhöhen. Sie speisen Strom oft wetterabhängig ein.
  • Dezentrale Erzeuger: Hierzu gehören kleinere Einheiten wie Dach-PV-Anlagen oder auch Blockheizkraftwerke (BHKW). Sie produzieren Strom, speisen ihn ein (wenn nicht selbst verbraucht) und können zunehmend die Grid stability unterstützen, beispielsweise durch die Bereitstellung von Reactive current.

Systemdienstleistungen zur Netzstabilität

Damit der Strommarkt reibungslos funktioniert und der Strom physisch zuverlässig vom Erzeuger zum Verbraucher gelangt, müssen Systemdienstleistungen unterstützen. Sie sind, vereinfacht gesagt, die technischen Hilfsdienste, die notwendig sind, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Elektrizitätsversorgungssystems aufrechtzuerhalten. Sie halten Erzeugung und Verbrauch sekundengenau im Gleichgewicht und vermeiden so Netzüberlastungen oder gar Blackouts. Hauptverantwortlich für die Beschaffung und Koordination dieser Dienstleistungen sind in Deutschland die vier Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) in enger Zusammenarbeit mit der Bundesnetzagentur. Zu den wichtigsten Systemdienstleistungen gehören:

Control energy

Weicht die Netzfrequenz vom Sollwert 50 Hertz ab (weil z.B. plötzlich ein Kraftwerk ausfällt oder der Verbrauch unerwartet ansteigt), müssen die ÜNB extrem schnell reagieren. Sie aktivieren in diesem Fall die verschiedenen Regelenergien. Dabei wird  je nach Aktivierungsgeschwindigkeit zwischen Primärregelleistung, Sekundärregelleistung und Minutenreserve unterschieden.

Spannungshaltung

Um Strom transportieren zu können, muss eine bestimmte Spannung im Netz aufrechterhalten werden. Dies geschieht vor allem durch die Bereitstellung von Blindleistung, die von Erzeugungsanlagen (auch dezentralen EE-Anlagen) oder speziellen Kompensationsanlagen geliefert wird.

Betriebsführung & Engpassmanagement

Die ÜNB überwachen den Lastfluss im Netz. Droht eine Leitung überlastet zu werden, müssen sie eingreifen. Dies geschieht z. B. durch den sogenannten Redispatch, bei dem Kraftwerke vor dem Engpass angewiesen werden, ihre Einspeisung zu drosseln, während Kraftwerke hinter dem Engpass ihre Leistung erhöhen. Auch das Einspeisemanagement von EE-Anlagen fällt in diesen Bereich.

Versorgungswiederaufbau

Im seltenen Fall eines großflächigen Stromausfalls (Blackout) müssen bestimmte Kraftwerke in der Lage sein, ohne externe Stromzufuhr anzufahren. Um das Netz schrittweise wieder aufzubauen, setzt man hier immer öfter einen Schwarzstart durch Batteriespeicher

Stromgroßhandel im deutschen Strommarkt

Der Stromgroßhandel bildet das zentrale Marktsegment des deutschen Strommarktes. Hier handeln Energieversorger, Direktvermarkter, Stromhändler und große Industrieunternehmen elektrische Energie, um ihren künftigen Strombedarf zu decken oder erzeugten Strom zu vermarkten. Der Großhandel sorgt damit für eine marktorientierte Preisbildung und ermöglicht es den Marktteilnehmern, Angebot und Nachfrage effizient auszugleichen.

Ein wesentlicher Teil dieses Handels findet an Strombörsen statt, insbesondere an der European Energy Exchange in Leipzig. Dort werden standardisierte Stromprodukte für unterschiedliche Lieferzeiträume gehandelt. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen zwei wichtigen Marktsegmenten:

Terminmarkt

Am Terminmarkt werden Strommengen langfristig im Voraus gehandelt – teilweise Monate oder Jahre vor der tatsächlichen Lieferung. Typische Produkte sind Futures oder Optionen. Marktteilnehmer nutzen diesen Markt vor allem zur Preisabsicherung, um sich gegen zukünftige Strompreisschwankungen zu schützen.

Spot market

Der Spotmarkt dient dem kurzfristigen Stromhandel und stellt sicher, dass Angebot und Nachfrage auch kurzfristig ausgeglichen werden können. Er unterteilt sich im Wesentlichen in zwei Teilmärkte:

  • Day-Ahead-Markt: Strom wird für jede Stunde des folgenden Tages gehandelt.
  • Intraday-Markt: Hier können Marktteilnehmer Strom noch bis kurz vor der tatsächlichen Lieferung handeln, um kurzfristige Prognoseabweichungen – etwa bei Wind- oder Solarstrom – auszugleichen.

OTC-Handel

Neben dem Börsenhandel existiert außerdem der sogenannte OTC-Handel (Over-the-Counter). Dabei schließen Marktteilnehmer bilaterale Stromlieferverträge direkt miteinander ab. Diese Verträge sind oft individueller ausgestaltet und spielen insbesondere bei langfristigen Stromlieferbeziehungen oder speziellen Beschaffungsstrategien eine wichtige Rolle.

Der Stromgroßhandel verbindet somit Erzeugung, Handel und Verbrauch miteinander und stellt sicher, dass Strommengen wirtschaftlich effizient verteilt werden. Gleichzeitig liefert er wichtige Preissignale, die Investitionen in neue Erzeugungsanlagen, Speicher oder flexible Verbrauchslösungen beeinflussen.

Direktvermarkter, Energiehändler & Bilanzkreise

Zwischen Stromerzeugung, Stromhandel und Verbrauch agieren weitere wichtige Marktakteure: Direktvermarkter und Energiehändler. Sie übernehmen zentrale Aufgaben bei der Vermarktung von Strom sowie beim Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch im Stromsystem.

Direktvermarkter vermarkten vor allem Strom aus erneuerbaren Energien. Betreiber von Wind- oder Solaranlagen verkaufen ihren Strom häufig nicht selbst an der Börse, sondern übertragen diese Aufgabe an spezialisierte Unternehmen. Diese bündeln die Strommengen vieler Anlagen, handeln sie am Strommarkt und integrieren sie optional in Bilanzkreise. Dadurch wird die Einspeisung erneuerbarer Energien effizient in den Strommarkt integriert.

Energiehändler hingegen konzentrieren sich auf die Beschaffung, Vermarktung und Absicherung von Strommengen. Sie handeln an Börsen und im bilateralen Markt, optimieren Handelsportfolios und übernehmen häufig auch das Bilanzkreismanagement.

Bilanzkreise sind im deutschen Strommarkt eine Art virtuelles Energiekonto, das Stromerzeugung und Stromverbrauch rechnerisch zusammengeführt. Jeder Marktakteur, der Strom einspeist (z. B. Kraftwerksbetreiber), handelt (z. B. Händler) oder an Endkunden liefert (z. B. Versorger), muss einem Bilanzkreis zugeordnet sein.

Der Bilanzkreisverantwortliche hat die Aufgabe, für jeden 15-Minuten-Intervall sicherzustellen, dass die Menge an Strom, die in seinen Bilanzkreis eingebracht wurde (durch Erzeugung oder Kauf), exakt der Menge entspricht, die daraus entnommen wurde (durch Verbrauch oder Verkauf). Treten Abweichungen auf, spricht man von Ausgleichsenergie, die vom Übertragungsnetzbetreiber bereitgestellt und dem Bilanzkreisverantwortlichen in Rechnung gestellt wird.

Bilanzkreise betreiben meist Energiehändler, Dienstleister oder auch Verteilnetzbetreiber. Sie sind ein zentrales Instrument, um die kaufmännische Abwicklung des Stromhandels mit der physischen Realität des Netzbetriebs zu verknüpfen und die Stabilität des Stromsystems zu gewährleisten.

Rolle der Bundesnetzagentur im deutschen Strommarkt

Die Bundesnetzagentur mit Sitz in Bonn ist die zentrale Regulierungsbehörde für den deutschen Strommarkt. Sie legt die Rahmenbedingungen für einen funktionierenden Wettbewerb fest und überwacht die Einhaltung der Marktregeln. Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehören die Regulierung der Stromnetze, des Stromhandels und des Netzausbaues. Die Bundesnetzagentur kontrolliert unter anderem Netzentgelte, organisiert des Redispatch, bestimmt Brownouts und überwacht alle zentralen Marktprozesse und sorgt so für Transparenz und Stabilität im Energiesystem.

Network operator

Die Netzbetreiber sind für den Transport und die Verteilung des Stroms verantwortlich. Sie betreiben die Stromnetze, über die elektrische Energie von den Erzeugungsanlagen zu den Verbrauchern gelangt. Dabei wird grundsätzlich zwischen Übertragungsnetzbetreibern and Verteilnetzbetreibern unterschieden.

The Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) betreiben die Höchstspannungsnetze in Deutschland und sind für den überregionalen Stromtransport sowie die Stabilität des Gesamtsystems verantwortlich. Zu ihren zentralen Aufgaben gehören die Netzsteuerung, die Sicherstellung der Netzfrequenz sowie das Engpassmanagement. In Deutschland übernehmen diese Rolle vier Unternehmen: 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW.

The Verteilnetzbetreiber (VNB) betreiben die regionalen und lokalen Stromnetze auf Hoch-, Mittel- und Niederspannungsebene. Sie stellen den Anschluss von Haushalten, Gewerbe und Industrie sicher und integrieren zunehmend auch dezentrale Erzeugungsanlagen wie Photovoltaik- oder Windkraftanlagen in das Netz. Damit spielen sie eine wichtige Rolle bei der Umsetzung der Energiewende auf regionaler Ebene.

Verbraucher auf dem deutschen Strommarkt

Am Ende der Wertschöpfungskette des deutschen Strommarktes stehen die Verbraucher, also die Akteure, die elektrische Energie tatsächlich nutzen. Dazu gehören Industrieunternehmen, Gewerbebetriebe, öffentliche Einrichtungen sowie private Haushalte. Ihr Strombedarf bestimmt maßgeblich die Nachfrage im Strommarkt und beeinflusst damit auch die Preisbildung im Stromgroßhandel.

Große Industrie- und Gewerbeunternehmen beschaffen ihren Strom häufig direkt am Großhandelsmarkt oder über individuelle Lieferverträge, während Haushalte und kleinere Unternehmen in der Regel von Energieversorgern beliefert werden. In den vergangenen Jahren hat sich die Rolle der Verbraucher jedoch zunehmend verändert: Durch Eigenstromerzeugung, flexible Laststeuerung oder Batteriespeicher können sie heute teilweise auch aktiv am Energiesystem teilnehmen.

Mit dem Ausbau erneuerbarer Energien und der zunehmenden Elektrifizierung – etwa durch Elektromobilität oder Wärmepumpen – gewinnt die flexible Steuerung von Stromverbrauch weiter an Bedeutung. Verbraucher werden damit zunehmend zu aktiven Teilnehmern im Stromsystem, die nicht nur Energie beziehen, sondern auch zur Stabilität und Effizienz des Strommarktes beitragen können.

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